Ü25 & unverheiratet – der Druck der tamilischen Gesellschaft

Tamilische Hochzeit

Heute wollen wir ein Thema aufgreifen, mit dem sich bestimmt sehr viele von uns im heiratsfähigen Alter, sowohl Mädels als auch Jungs, identifizieren können. Wir kennen das alle, ab einem bestimmten Alter, bei uns Frauen tritt dieser Punkt meist ein paar Jahre früher ein als bei den Männern, folgen die aufdringlichen Fragen:

„Wie du bist 25/26 und noch nicht verheiratet?“

„Apo epo kaliyanam pannura plan?“

Und das einem solche Fragen selbst von nicht nahestehenden Personen gestellt werden, ist keine Seltenheit. Die Personen, die später bei der eigenen Hochzeit auftauchen und aus Pflicht ihren Umschlag abgegeben und wieder gehen. Menschen, die nicht aus Fürsorge fragen, sondern aus purer Neugier. Es scheint so, als würde das Alter das Maß für die Reife zur Heirat festlegen. Wir entsprechen nicht diesem 0-8-15 Schema einer tamilischen Frau, die mit Anfang 20 spätestens verlobt oder verheiratet ist und Mitte 20 ihr erstes Kind hat. Das ist für viele, gerade aus der ersten Generation, irritierend.

Ja, als Kind von tamilischen Eltern oder gerade als Frau, hat man es nicht immer leicht. Man muss sich vieles erkämpfen, aber es ist es wert.

Unsere Sicht von der Ehe, der Liebe, oder einer Beziehung …

… ist, dass sich zwei Menschen, die wie füreinander gemacht sind, sich nehmen und lieben wie der andere ist. Sie stehen sich in guten und schweren Zeiten zur Seite und besiegeln zur Krönung ihr Bündnis mit einem Ehegelübde. Heiraten, weil es sein muss? Nein, das möchte keiner von uns. Es scheint so, als würden viele in unserer Gesellschaft das eigene Glück über einen Partner definieren. Für sie ist es kaum vorstellbar, wie jemand ohne Ehepartner glücklich sein kann.

Von Kindesbeinen auf gibt es einen kleinen Konkurrenzkampf unter uns Tamilen. Wer hat den besten Abschluss? Wer schafft es, seine Eltern stolz zu machen? Und letztendlich wer schafft es, vor dem kritischen Alter zu heiraten und damit einen weiteren Haken in der To-Do-Liste zu setzen? Die tamilische Gesellschaft gibt einem das Gefühl, ein Verfallsdatum zu haben und ab diesem keinen Partner mehr finden zu können.

Das Gefühl, dass mit einem etwas nicht stimmt..

..kann manch einen dazu hinreißen, sich Kopf über in etwas hinein zu stürzen, was er/sie nicht aus dem Herzen möchte. Das Schreckliche dabei ist nur, dass nicht mit einem selbst etwas nicht stimmt, sondern mit der Gesellschaft. Bemitleidende Worte für etwas, was einem selbst nicht leid tut. Sich zu etwas verleiten lassen, was einen nicht glücklich macht. Sich dafür schämen zu müssen, zu äußern, dass man das Leben so liebt wie es ist. Das alles ist nicht nur widersprüchlich, sondern falsch.

Wenn eine Frau noch nicht verheiratet ist, bildet sie durch ihr Verhalten eine Quelle für bodenlose Spekulationen. Manche meinen dann echt, sie müssten jetzt Vermutungen darüber anstellen, warum das so ist. Viele bedenken allerdings nicht, dass es auch heißen kann, dass sie im Leben andere Prioritäten hat, Ziele verfolgt, andere Vorstellungen lebt, gewisse Ansprüche hat und denjenigen noch nicht getroffen hat oder schlichtweg noch nicht bereit dazu ist. Es bedeutet nicht direkt, dass mit der Frau etwas nicht stimmt. Tamilisches Denken ist in der Hinsicht sehr einseitig und umso besser ist es, je schneller einige realisieren, dass auch noch andersdenkende Menschen in unserer Gesellschaft existieren und es nicht immer nur schwarz oder weiß gibt.

„You are not ugly, society is.“ – unknown

Die Perspektive von unseren ‘Ammas’ und ‘Appas’..

Broker und diverse andere Vermittler verdienen sich eine goldene Nase an der Verzweiflung vieler Eltern und die mancher Kinder. Kinder, die später unglücklich sind, weil sie sich in etwas hineindrängen lassen haben, um ihre Eltern glücklich zu machen und dann noch die Last mit sich tragen, diese Fassade aufrechterhalten zu müssen. Das ist sicherlich keines der Ziele, die jemand von uns erreichen möchte. Man muss sich bewusst sein, dass der Bund der Ehe, die Hochzeit, eine Entscheidung fürs Leben ist und wir haben das Gefühl, genau das blenden einige aus.

Unsere Eltern machen sich sorgen. Das ist etwas ganz natürliches. Aber ist es nicht unsere Aufgabe ihnen zu zeigen, dass es dafür keinen Anlass gibt?

Die meisten Eltern..

..wollen nur das Beste für ihr Kind, aber dabei richten sie ihr Leben nach der Gesellschaft, indem sie z.B. denken: „Wenn meine Tochter einen Freund hat, dann lästern alle darüber, also los verheiraten wir sie gleich. Am besten jetzt sofort.“ Oder: „Wenn ich eine Tochter zu Hause habe, die schon etwas “älter” ist, dann könnten wieder irgendwelche Leute reden: Also los suchen, suchen, suchen und dann so schnell wie möglich verheiraten.“ Dabei blenden sie wichtige Faktoren aus, wie z.B. „Ist er wirklich, wirklich der Richtige für sie? Kennen sie sich lange genug? Möchte sie den Schritt gehen? Ist sie bereit dafür?“ Dabei wären genau solche Faktoren wichtig, damit sie ihrer Tochter eine langfristig glückliche Zukunft bescheren können.

„You will find that people will always have opinions about your decisions. Don’t take it personally, it’s simply because they’re not courageous enough to take action in their own lives. Be a leader in your life and pay no mind to those who lack the courage to do the same in theirs.“ – Dr. Steve Maraboli

Vielen jungen Leuten fehlt es zudem an Selbstvertrauen. Sie lassen sich ernsthaft einreden, sie würden irgendwann keinen mehr finden (weil die „Besten“ eh schon vom Markt sind und desto länger man wartet, desto geringer die Wahrscheinlichkeit noch einen „Guten“ zu finden), sie wären jetzt schon zu alt (viele in unserem Alter haben schon geheiratet), bei den Frauen ist die biologische Uhr noch ein beliebtes Argument (bei uns Tamilen sollte man ja wenn es nach ihnen geht, bevor man 30 ist mindestens schon ein Kind haben) usw. Wo bleibt das Selbstvertrauen?

Die Entwicklung von einer Raupe zu einem Schmetterling..

Ja, man hört nie wirklich auf sich zu verändern aber ist es nicht so, dass man die größte Veränderung genau in diesen Jahren durchlebt? Klar, bei einigen funktioniert das wunderbar aber wir sehen doch, dass es bei vielen anderen nicht funktioniert.

Es waren turbulente Jahre, man begibt sich auf den Weg sich selbst zu finden und auf die Suche nach dem „Was will ich?”. Hinzu kommen die ganzen (ersten) Erfahrungen und Erlebnisse die einen maßgeblich prägen und erst die Grundlage dafür bieten, sich in vielerlei Hinsichten eine erste Meinung zu bilden und zu festigen. Man geht wie eine Raupe durchs Leben und erst ab einem gewissen Alter, nimmt man Form und Farbe an und entfaltet sich. Wie bei einem Schmetterling, entwickeln wir uns immer mehr zu einer Persönlichkeit und nehmen dabei, durch unsere Erfahrungen und Erlebnisse, einige Eigenschaften, Sichtweisen und Charakterausprägungen mehr, andere weniger an. Muss man sich nicht erst selbst finden, bevor man den Richtigen, das passende Puzzleteil, für sich findet? Ist das nicht die Grundlage die man sich selbst erst erbauen muss, die Voraussetzung die man selbst erst erfüllen muss, bevor man diesen wichtigen Schritt geht bzw. gehen kann?

Wir beide sind jung,..

..glücklich und verfolgen unsere Ziele und Träume. Wir haben nicht das Gefühl, dass uns irgendetwas fehlt. Das Leben bietet so viel mehr als zu heiraten, Kinder zu bekommen und so zu leben, wie es von einem erwartet wird. Bis es so weit ist, geht man seinen Weg und genießt eines der vielen weiteren Aspekte des Lebens, die mindestens genauso wichtig und schön sind. Dinge, die uns und unser Leben erfüllen, uns glücklich machen. Man sollte sich nicht darauf fixieren, den oder die Richtige zu finden und dabei den Blick für das wesentliche verlieren.

Uns beiden ist es zudem auch wichtig, erst alles abzuschließen und finanziell unabhängig zu sein, eine Basis zu schaffen, bevor wir heiraten.

Wenn wir zurückblicken und uns vorstellen, jetzt schon ein paar Jahre verheiratet zu sein – unvorstellbar. Wir sind nicht mehr die Menschen, die wir noch vor 1-2 Jahren waren. Man hat sich so sehr weiterentwickelt, dass wir froh sind, die Entscheidung, mit wem man sein Leben teilen möchte, noch nicht getroffen haben.

Wieso es wichtig ist, seine eigenen Entscheidungen zu treffen

Unsere Eltern möchten das Beste für uns. Uns in guten Händen sehen, wenn sie eines Tages nicht mehr für uns da sein können. Trotzdem ist es wichtig, sich nicht nur über jemanden anderes zu definieren, sondern auch eigene Träume und Ziele im Leben zu haben und diese auch zu verfolgen.

Versteht uns nicht falsch, jedem steht frei, selbst zu entscheiden, WANN er heiraten möchte. Verheiratet zu sein ist sicherlich ein sehr schönes Gefühl. Jeden Morgen neben jemanden aufzuwachen, mit dem man sich im Inneren verbunden fühlt, Jahre später mit dieser Person wunderbare Lebewesen zu bekommen, die halb selbst und halb vom Lieblingsmenschen sind. Für Personen, die bereits in jungen Jahren diese Person geheiratet haben, weil es gepasst hat, ist es umso schöner, weil man gewisse Ziele zusammen erreichen kann. Nur sollte man dies nicht krampfhaft um jeden Preis versuchen, nur, weil man ein bestimmtes Alter erreicht hat.

Heiraten ist gewiss nicht der einzige Lebensinhalt,..

..vor allem nicht der einer Frau, so wie es eigentlich oft von der Gesellschaft vermittelt wird. Es geht im Leben um mehr, als ungelduldig auf den einen besonderen Menschen oder Tag zu warten. Das Leben zu leben, welches man sich selbst vorstellt und währenddessen auf die Person zu treffen, die das Leben vervollständigt wie ein Puzzleteil, darum geht’s. In unseren Augen ist der Partner an der Seite ein Bonus, keine Verpflichtung.

Am Ende des Lebens denkt sich keiner: “Hätte ich mal 5 Jahre eher geheiratet!” Wichtig ist, dass man am Ende glücklich ist mit sich selbst, mit seiner Entscheidung und mit dem Verlauf des Lebens. Natürlich, es gibt nie eine Garantie für eine intakte Ehe, dennoch kann man das ein Stück weit beeinflussen. Eine Freundin sagte einmal:

„Wenn du abends alleine im Bett sitzt, unglücklich, wird keiner der Menschen, die dich gedrängt haben, kommen und deine Tränen abwischen. Du bist selbst für deine Entscheidungen verantwortlich.“

Wie Recht sie doch hat, oder?

 

Foto unter Creative Commons Lizens von Agence Tophos


Dieser Text ist in Kollaboration entstanden und stammt aus der Feder unserer talentierten Autorinnen Vijitha Vijay & Thiya Ramalingam.


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